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Rezension 'Elbisch' von Helmut W. Pesch =======================================
von Thorsten Renk (thorsten@sindarin.de)
Das Buch 'Elbisch' von Helmut W. Pesch wirbt für sich selbst auf der Rückseite mit den Worten 'Lernen Sie die Sprache der Elben des Dritten Zeitalters kennen! (...) Schreiben Sie in der Schrift der Elben! (...) Verstehen Sie, was sich hinter den Namen der Wesen, Orte und Dinge verbirgt!' Vorneweg - all diesen selbst gesteckten Ansprüchen wird das Buch mehr als gerecht. Allerdings vermute ich, daß der Leser bei dem Versuch, die Sprache aus dem Buch sprechen (und nicht nur kennen) zu lernen auf Schwierigkeiten treffen wird.
Das Buch gliedert sich in mehrere Teile: Einer allgemeinen Einführung über die Rolle der Sprachen in Tolkiens Werk und die Entwicklung der Sprachen in Mittelerde folgt eine relativ breite Präsentation der Quellen und eine Diskussion vieler Tolkien'schen Originalzitate in den elbischen Sprachen. Anschließend findet sich ein ausführliches Kapitel über die Schriftsysteme, hauptsächlich die Verwendung von Tengwar und Cirth in verschiedenen Modi. Danach folgt je ein Kapitel über die bekannte Grammatik der beiden Sprachen Quenya und Sindarin, die komplette zweite Hälfte des Buchs wird dann von Wortlisten Quenya-Deutsch und Sindarin-Deutsch eingenommen.
Ich werde mich im Folgenden im Wesentlichen auf die Diskussion der Teile beschränken, von denen ich fundiertes Verständnis habe, das heißt Grammatik und Wortschatz von Sindarin und Quenya.
Die Einführungen ================
Die Einführung in die Rolle der Sprachen in Tolkiens Werken, sowohl was die 'externe' Geschichte, d.h. die Beschreibung aller Veröffentlichungen, als auch die 'interne' Geschichte, d.h. die Entwicklung der Sprachen in Mittelerde, wie sie Tolkien vorschwebte, empfinde ich interessant geschrieben und gut zu lesen. Sehr wertvoll ist die Auflistung aller Textquellen und die Diskussion der wichtigsten elbischen Stellen, die bei Tolkien vorkommen, da diese die Basis für die später diskutierte Grammatik darstellen. Unklar ist mir jedoch geblieben, wieso die von Tolkien (in 'Sauron Defeated') angegebene Übersetzung des Königsbriefs '...the thirty-first day of the Stirring...' von Pesch im Deutschen ohne weiteren Kommentar als '...dreißigsten im Echuir' wiedergegeben wurde (S. 93).
Die Quenya-Grammatik ====================
Die Darstellung der Grammatik ist großteils korrekt und schlüssig, allerdings haben sich an einigen Stellen Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Beispiele hierfür sind:
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Pesch (S.84): Den Plural auf -i bilden : (...) Nomen auf -u
Das ist nicht korrekt, der Plural von Ainu ist z.B. Ainur, nicht **Ainui.
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Pesch (S.80): Instrumentalis Plural 'aldanin' Pesch (S.83): Instrumentalis Plural 'aldainen'
Die zweite Form ist die korrekte (ein Druckfehler?)
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Fehler dieser Art sind aber eher selten. Etwas ärgerlicher sind Beispiele, an denen Pesch seine eigenen Rekonstruktionen Tolkiens Angaben vorzuziehen scheint:
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Pesch (S.94): Dativpronomen Normalform 3. Person Pl. *ten
Aus dem 'Ataremma' (der Quenya-Version des Vaterunser) ist bekannt, daß diese Form 'tien' lautet.
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Pesch (S.94): Possessivsuffix 1. Pers. Sg. inclusiv. *-lwen
Aus dem bekannten Gruß 'Elen síla lumenn' omentielvo läßt sich entnehmen, daß diese Endung entweder -lwa oder -lva lauten muß.
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Die Angaben über Pronomensuffixe auf S.92 und S.99 widersprechen sich etwas: Auf S.92 ist mit *-ryë noch das lange Suffix der 3.Pers.Sg. genannt und mit -s das kurze, auf Seite 99 hingegen ist die Form -rye verschwunden und dafür -s in die Reihe der langen (hier 'Normal') bezeichneten Endungen aufgerückt.
Pronomen sind ein sehr heikles, aber wichtiges Kapitel - hier hätte ich mir eigentlich extra viel Sorgfalt und Klarheit in der Darstellung gewünscht.
Da der Vorrat an Quenya-Texten sehr klein ist, ist man bei dem Versuch, eine verwendbare Grammatik der elbischen Sprachen zu erstellen naturgemäß auf Rekonstruktionen und theoretische Argumente angewiesen. Das ist auch grundsätzlich nicht verwerflich, wenn eine klare Trennung zwischen dem erfolgt, was man sicher ableiten kann und dem, was eine Rekonstruktion ist. Allerdings verwischt sich diese Trennlinie bei Pesch öfters, und er präsentiert mitunter Theorien mit einer Sicherheit, als würde es sich um belegte Tatsachen handeln. Um fair zu sein, Pesch spricht dieses Problem in der Einführung grundsätzlich an, aber trotzdem empfinde ich einige der (ungekennzeichnet präsentierten) Rekonstruktionen als fragwürdig. Das soll nun nicht heißen, daß ich zwangsläufig meine Ideen dazu als einzig richtig einstufen würde, sondern nur, daß mehrere Behauptungen im Buch zumindest kontrovers sind und sich aus dem vorhandenen Textmaterial mitunter andere Schlüsse ziehen lassen.
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Pesch (S.87): Adjektive (...) stimmen mit ihren Beziehungsworten im Numerus überein, sie haben dagegen in der Regel keine Casusendungen.
Was ist mit 'Elendil Vorondo voronwë' (the faith of Elendil the Faithful), wo das Adjektiv 'voronda' im Genitiv gebraucht wird? In Markirya kommen Wendungen wie 'isilmë lantalassë' vor, wo die (adjektivischen) Partizipien die Casusendung tragen. Im gleichen Gedicht kommen auch Adjektive ohne Casusendung vor, aber daraus eine Regel zu machen erscheint mir sehr gewagt.
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Pesch (S.98 ): (Grundformen) gelten auch, wenn das Subjekt des Satzes ergänzt werden muß. (...) lanta 'es fällt' Pesch (S.103) : 3. Pers. Pl. schwach lantar 'sie fallen'
Dafür gibt es in Tolkiens Texten wenig Belege, im Gegenteil: Beispiele wie 'Nai hiruvalyë Valimar! Nai elyë hiruva!' zeigen, daß wenn das Pronomen extra genannt ist, das Verb die Pronomenendung verliert. Die Endung -r ist hingegen kein Pronomen, sondern eine Pluralmarkierung, wie auch von der Pluralbildung bei Substantiven bekannt, sie wird (wie in 'lassi lantar' verwendet, wenn das Subjekt im Plural steht) Wie das Beispiel 'Nai tiruvantes i hárar...' zeigt, setzt sich die Regel 'Pronomen separat -> keine Pronomialendung' auch in der 3. Person nahtlos fort: Sobald das Pronomen (hier das Relativpronomen i) genannt ist, wird die 3. Pers. Pl. Endung -ntë durch die Pluralmarkierung -r ausgetauscht. 'Es fällt.' wäre also '*lantaryë' in der langen Form und 'lantas' in der kurzen; 'sie fallen' 'lantantë' in der langen und 'lantat' in der kurzen.
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Pesch (S.79): Ein kollektiver Plural, der eine Vielzahl oder Gesamtheit ausdrückt, enthält zwischen Stamm und Endung die Bildungssilbe -li-
Es gibt wenig Hinweise darauf, daß dieser von Tolkien 'partitive plural' genannte Numerus generell eine Gesamtheit ausdrückt - dieses Phänomen kommt jedoch im Sindarin vor, wo es von Tolkien mit 'class plural' oder 'collective plural' beschrieben wird. Ich denke, wenn er die selben Dinge gemeint hätte, hätte Tolkien auch die selben Wörter benutzt. Im Übrigen kommt in 'Markirya' die Wendung 'ondolissë' = 'upon rocks' vor, wo weder eine Vielzahl noch eine Gesamtheit in der Übersetzung zu erkennen ist, obwohl der Partitiv-Plural hier verwendet wurde.
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Trotz dieser Probleme ist die Grammatik jedoch in wesentlichen Teilen gut dargestellt, und ein Leser, der sich bewußt ist, daß die Darstellung einige Fehler im Detail aufweist, wird sicher von der Lektüre profitieren und mit einem ansonsten guten Überblick über die Quenya-Grammatik belohnt.
Die Sindarin-Grammatik ======================
In der Sindarin-Grammatik finden sich mehrere Abschnitte, die Übersetzungen von Fauskangers Artikel 'Sindarin - the Noble Tongue' darstellen, andere Passagen sind fast wörtlich gleich der Darstellung der deutschen Webseite www.sindarin.de (so z.B. die 'Weiche Mutation (S.143-145), bei der auch alle Beispiele wörtlich übernommen wurden). Das ist prinzipiell kein Fehler, da beide Quellen gute Darstellungen der Grammatik sind. (Herr Pesch, es freut mich, wenn Ihnen sindarin.de so gut gefällt, aber es wäre aber trotzdem nett gewesen, die Quelle anzugeben!)
Mein Fazit über die Sindarin-Grammatik muß ähnlich ausfallen wie schon oben bei der Quenya-Grammatik: Eine im Wesentlichen korrekte Darstellung, verscheidene Flüchtigkeitsfehler und einige fragwürdige Interpretationen, die nicht als solche gekennzeichnet sind.
Unter der Rubrik 'Flüchtigkeitsfehler' z.B.:
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Pesch (S.156): euch *chen (Akk., leniert zur Grundform *cen) Pesch (S.157): *chîn (leniertes Possessiv zur Grundform *cîn)
Lenition (weiche Mutation) würde auch nach Pesch's Tabelle auf S. 150 aus diesen Formen *gen und *gîn machen. Für die Annahme einer Nasalen oder anderen Mutation an dieser Stelle gibt es jedoch keine Basis (und Pesch redet hier auch von lenierten Formen).
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Auch der Umgang mit attestierten Pronomenformen ist nicht sehr sorgfältig. Obwohl ich mit den folgenden Rekonstruktionen übereinstimmen kann, denke ich doch, daß man sie als solche kennzeichnen sollte.
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Pesch (S.155): 2.Pers.Sg. Suffix -ch 2.Pers.Pl. Suffix -l
Die Form -l taucht in keinem bekannten Text oder Dokument zu Sindarin auf, sie ist rekonstruiert und gehört als solche gekennzeichnet. Die Endung -ch tauch nur in 'Arphent Rían Tuorna: 'Man agorech?' ' auf, zu dem keine Übersetzung bekannt ist, diskutierte Varianten des letzten Satzes beinhalten 'Was hast du getan?', 'Was habt ihr getan?' und 'Was haben wir getan?'. Obwohl es sehr plausibel ist, daß dies die Endung der 2. Pers. ist, wäre ein * auch hier schön gewesen.
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Wie im Quenya-Kapitel gibt es im Sindarin-Kapitel auch grammatikalische Rekonstruktionen, die ich nicht ohne Kommentar stehen lassen möchte:
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Pesch (S. 155) (über Objektpronomen): Wenn sie im Sinne des Akkusativs, das heißt als direktes Objekt verwendet werden, tritt eine Lenierung ein. (die Tabelle auf der nächsten Seite impliziert, daß im Dativ keine Lenierung eintritt).
Für diese Spekulation bezüglich unlenierter Pronomen im Dativ gibt es in Tolkiens Texten keinerlei Basis. Außer der Form 'le', die von Tolkien explizit als 'of Quenya origin' und damit als unregelmäßig gekennzeichnet wird, gebraucht Tolkien Pronomen im Dativ immer als Zusammensetzungen mit 'an' auf, z.B. ammen ([für] uns), enni (mir), anim (für mich selbst). Besonders schön ist das am Vergleich des Vaterunser in Sindarin und Quenya (nicht bei Pesch zitiert) zu beobachten.
Auch bei Substantiven als Dativobjekten tritt die Konstruktion mit 'an' in der Mehrzahl der Fälle auf - hier gibt es jedoch zwei Ausnahmen, die zeigen, daß Dativobjekte auch anders auszudrücken sind: Gilraens Linnod 'Onen i-Estel edain' (ich gab den Menschen Hoffnung/Estel) (aus dem über Lenition keine Schlüsse gezogen werden können) und '...e aníra suilannad mhellyn în...' wörtl. 'möchte Grüße geben seinen Freunden' (mit der Zusammensetzung suilanna- aus suil (Gruß) und anna- (geben)), in der das Dativobjekt allerdings leniert ist.
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Etwas verwirrend ist die Präsentation der Spezialfall-Mutationen, die von primitiven nasalierten Verschlußlauten abgeleitet sind: Sie tauchen zwar in der Tabelle der Mutationen auf S. 151 auf, aber es findet sich keinerlei weitere Erläuterung zu diesen Formen; auch in der Wortliste ist zwar ihr Stamm aufgeführt, aber kein Hinweis, daß dieser Teil der Tabelle dann relevant ist. Hier wäre eine kurze Erläuterung nicht falsch gewesen.
Trotz dieser kleinen Wehrmutstropfen ist aber auch dieser Teil eine relativ solide Darstellung der Grammatik, insgesamt vielleicht sogar noch etwas besser gelungen als im Quenya-Teil.
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