Caras-Galadhon-Bild

Sie wollen also Elbisch lernen? – ein Stücken Philosophie  von Thorsten Renk

 

Sie haben sich also entschieden Elbisch zu lernen? Ich liebe die Elbischen Sprachen wirklich, daher kann ich das völlig nachvollziehen und ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei

Aber es gibt eine Frage, die Sie sich vielleicht frühzeitig – oder vielleicht auch später genauso - stellen sollten: Was bedeutet für Sie „lernen“?

Wollen Sie die Sprache sprechen, Elbische Gedichte darin schreiben und Elbische Geschichten lesen, sie in Rollenspielen gebrauchen und Elbische Briefe an ihre Freunde schreiben? Denn dies ist alles tatsächlich möglich – nun, so etwas in der Art und das ist auch der Grund, warum ich frage. Denn alle diese Dinge benötigen eine Art fertige Form des Elbischen, sie setzen voraus, dass Tolkien an irgendeinem Punkt Sindarin oder Quenya fertiggestellt hat und dass diese fertige Sprache dann verwendet werden kann.

Aber so etwas gedachte Tolkien nie für seine Sprachen. Daher macht es einen erheblich Unterschied, ob man Tolkiens Vorstellungen über die Sprachen lernt oder ob man lernt  sie zu „sprechen“.

Tolkien sah sein Werk niemals als vollendet an – er überarbeitete und änderte ständig Sachen – selbst bei bereist veröffentlichten Dingen (die er nicht mehr wirklich ändern konnte) erfand er neue Erklärungen, die ihnen zugrunde liegen. Ein gutes Beispiel ist Gil-Galad - in Letters:279 schreibt er:

This variation g/k is not to be confused with the grammatical change or k, c > g in Grey-elven, seen in the initials of words in composition or after closely connected particles (like the article). So Gil-galad 'star-light'. .

Diese Variation von g/k sollte nicht verwechselt werden  mit der grammatikalischen Veränderung oder k, c  > g im Grauelbischen, wie man es sieht bei den Anfangsbuchstaben von zusammengesetzten Worten oder nach eng verbundenen Worten (wie dem Artikel). Daher ist Gil-galad ‚Sternen-Licht’. .

Aber tatsächlich bringt er im Brief 374 etwas ganz anderes vor:

In S. this absence of mutation is maintained (a) in compounds and (b) when a noun is actually virtually an adjective, as in Gil-galad Star (of) brilliance.

Im S.[indarin]wird dieses Ausbleiben von Mutation beibehalten (a) in Zusammensetzungen und (b) wenn ein Nomen eigentlich  praktisch ein Adjektiv ist, wie in Gil-galad Sternenglanz [glänzender Stern].

Während er also in seiner ersten Erklärung behauptet, dass galad eine lenierte Form ist und es mit „Sternenlicht“ übersetzt, besteht er in seiner zweiten darauf, dass es unleniert ist und es „Sternenglanz“ bedeutet. Mein Lieblingsbeispiel beinhaltet das Quenyawort für „Ja/Nein“. Bill Weldon zitiert zwei Quellen in seinem Essay „Negation in Quenya“ (Verneinung im Quenya) (VT42:32). In einem Essay von 1960 schreibt Tolkien „Ja“ – in einem Essay von 1970 „Nein“

Vinyar Tengwar 43 beinhaltet 6 verschiedene Versionen des Vaterunsers auf Quenya, die uns erlaubt nachzuvollziehen, wie Tolkien, unzufrieden mit den vorherigen Versionen, Grammatik und Vokabeln veränderte um zu einer Version zu gelangen, die ihm besser gefiel – bis er sich entschloss, auch diese wieder umzuschreiben. Tolkiens eigene Wortlisten enthalten normalerweise mehrere Schichten von Einträgen: frühe Bleistifteinträge, durchgestrichen, ersetzt durch Einträge mit Tinte, manchmal wieder durchgestrichen und überschrieben, welches die fortlaufende Veränderung der Sprachen in Vokabular und Herleitung  reflektiert.

Warum erzähle ich Ihnen dies? Weil ein sprechbares Sindarin oder Quenya zu erschaffen, nicht nur bedeutet, die Lücken auszufüllen mit klugen Rekonstruktionen – es beinhaltet manchmal auch, die Entscheidung zu treffen, etwas stark zu editieren und Material von Tolkien aufgrund persönlicher Vorzüge herauszuwerfen.

Sie sehen, es gibt keine Möglichkeit eine Sprache zu schaffen in der sowohl „Ja“ als auch „Nein“ sein kann – wenn Sie also Quenya sprechen wollen, müssen Sie sich für eines der beiden entscheiden. Allerdings gibt es keine gute Richtlinie dafür. Sollten wir uns an Tolkiens letzte Entscheidung halten? Dann heißt „Nein“ im Quenya, aber dann bekommt auch eine Menge Material im HdR eine ungünstige Interpretation, da Tolkiens letzte Ideen zur Grammatik sich stark von denen unterschieden, die er zu der Zeit hatte, als er Namárië schrieb. Oder sollten wir uns daran halten, was dem HdR am nächsten kommt? Dann ist „Ja“ – aber wir wissen, dass Tolkien eventuell diese Idee aufgegeben hat. Also bleibt am Ende nur die Entscheidung des Verfassers, welches man verwendet.

Ich habe sowohl einen Sindarin- als auch einen Quenya-Kurs geschrieben und traf daher durchaus ein paar dieser Entscheidungen dieser Art, um einen Kurs anzubieten der leicht von Anfängern zu lernen ist. Dies ist, denke ich, in Ordnung, da ich es ausdrücklich im Kurs sage versuche, so nah wie möglich an Tolkiens Ideen zu bleiben und nur versuche, Wiedersprüche zu entzerren.

Aber man sieht, die Probleme beginnen, wenn man Sindarin von meinem oder Helge Fauskangers Kurs gelernt haben und  versucht es jemand anderen zu erklären. Wenn man nicht vorsichtig ist, geht das, was Tolkien eigentlich gesagt hat, in diesem Prozess verloren, weil es etwas gibt, das Wahrheit durch Wiederholung genannt wird.

Um ein Beispiel zu geben: Helge Fauskanger schreibt in Sindarin, the Noble Tongue:

In Sindarin, adjectives (including participles) following the noun they describe are usually lenited. (...) There are, however, quite a few attested cases where soft mutation fails to take place in such combination. (...) I would advise people writing in Sindarin to let adjectives lenit in this position, though, since this seems to be the main rule.

Im Sindarin werden Adjektive (inklusive Partizipien), die dem Wort, das sie beschreiben folgen, normalerweise leniert. (...) Es gibt trotzdem doch ein paar attestierte Fälle, in denen weiche Mutation in solchen Kombinationen nicht stattfinden. (...) Ich würde Leuten, die Sindarin schreiben, trotzdem raten, Adjektive in dieser Position zu lenieren, da es die Hauptregel zu sein scheint.

Er drückt es tatsächlich vorsichtig aus und erwähnt Ausnahmen. Allerdings vereinfachen Leute, die ihn zitieren, normalerweise die Aussage zu Adjektive folgen dem Nomen und werden leniert. (Das ist das, was ich gelernt habe, als ich angefangen habe.) Dies wurde so häufig wiederholt, dass man häufig Leute findet, die darlegen, dass es falsch ist, das Adjektiv unleniert zu lassen.

Wenn man sich nun den tatsächlichen Belegen zuwendet, kann man 8 Beispiele finden ohne Lenition, 9 Beispiele mit Lenition, 1 Beispiel mit nasaler Mutation und 10 Beispiele, bei denen wir es nicht sagen können (siehe http://www.phy.duke.edu/~trenk/elvish/mutations.html ). Also tatsächlich basiert diese Hauptregel nur auf einer kleinen 9:8 Überlegenheit.

Die Geschichte wird sogar noch merkwürdiger, wenn man Adverbien  betrachtet, die direkt auf ein Verb folgen. Helge schrieb niemals darüber, dass sie leniert werden – also denken die meisten Leute, sie seien unleniert oder leniert nach einem Imperativ. Aber schaut man auf die tatsächlichen Belege, findet man zwei deutliche Lenitionen, zwei deutliche Nicht-Lenitionen und drei Fälle, bei denen wir es nicht wissen. Das ist ungefähr dasselbe Verhältnis, wie wir es bei  Adjektiv-Lenition finden, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass  die Regel für Adverbien irgendwie anders wäre – und doch ist, durch die häufige Wiederholung, die weitverbreitetste „Wahrheit“, dass nachfolgende Adjektive leniert werden, wobei fachfolgende Adverbien dies nicht werden. Aber wie Sie selbst überprüfen können, gibt es für beide Aussagen nur wenig  belegbare Grundlage. Zumindest folgte Tolkien selbst nicht diesen Regeln.

Oder, um in eine andere Richtung zu blicken, mag man versucht sein, jemandem zu erklären, dass die Endung für Verben in der 2.Person –ch im Sindarin ist. Sicherlich schrieb ich das so in meinem Sindarin-Kurs. Sie mögen sogar den Beweis dafür kennen (wenn Sie Ardalambion studiert haben), wo Helge zitiert:

Arphent Rían Tuorna, Man agorech?, probably meaning *"And Rían said to Tuor, What did you do?"

Arphent Rían Tuorna, Man agorech?, bedeutet vielleicht *"Und Rían sagte zu Tuor, Was hast du getan?"

Nun  formuliert Helge dies wieder sehr vorsichtig und die folgende Wahrheit durch Wiederholung ist nur teilweise sein Fehler. Aber die Wahrheit ist, dass der Satz nirgendwo übersetzt ist. Wenn man es bedenkt – Tuor war ein Neugeborener während Rían noch lebte – was könnte er möglicherweise getan haben? Seine Windel vollgemacht? Wohl kaum etwas, über das Tolkien schreiben würde. Tatsächlich macht diese „canonartige“ Interpretation wenig Sinn. David Salo (der es ursprünglich vorgebracht hat) argumentiert, dass Tolkien möglicherweise eine/n andere/n Rían und Tuor gemeint hat. Nun, während Namen öfter auftauchen, ist es doch hier unwahrscheinlich. Carl Hostetter (der Zugang hat zu den Original-Manuskripten) sagte in einer Diskussion auf i lam arth:

David is presenting the facts selectively here, neglecting to mention that the sentence he saw occurs in a context -- sc., a "cover sheet" as it were for Tolkien's continued work on the Narn -- and that the bit of dialogue it is part of continues after it; and thus it is not simply a random, isolated jotting by Tolkien having no connection to the well-known characters of his legendarium , and the question having no discernible connection to the same.

David präsentiert die Belege hier wahlweise und vernachlässigt zu erwähnen, dass der Satz, den er gesehen hat, in einem Kontext auftaucht – einem „Deckblatt“ wie  für Tolkiens fortlaufende Arbeit an den Narn – und dass das Stück Dialog, von dem es Teil ist, nachfolgend weitergeht; und daher ist es nicht einfach eine willkürliche, isolierte Notiz von Tolkien, die keine Verbindung hat zu den wohlbekannten Charakteren seines Legendariums, so wie die Frage keine wahrnehmbare Verbindung zu denselbigen hat.

Also ist die tatsächliche Beweiskraft dieses Satzes, dass –ch „du“ bedeutet, fast gleich Null. Wir werden zurückgelassen, mit drei Stücken tatsächlicher Beweise: 1) einer Tabelle mit Noldorin-Pronomenformen, die –g und -ch als Endungen der 2. Person zeigen (unveröffentlicht, erwähnt in verschiedenen Diskussionen) 2) einer Tabelle mit Noldorin-Pronomen, die –ch  als Endungen der 1. Person Plural zeigt (unveröffentlicht, erwähnt in verschiedenen Diskussionen) und 3) die anscheinende Ähnlichkeit von Sindarin- und Quenya-Pronomensystemen, die, wenn es Geltung hat, zulässt für –ch zu argumentieren (siehe http://www.phy.duke.edu/~trenk/elvish/pron_rek.html für einen solchen Versuch).

Ich hoffe, Sie sehen nun, was falsch daran ist, jemandem zu sagen, dass –ch  die Endung für Verben in der 2.Person im Sindarin ist. Tatsächlich ist es sogar nicht vollkommen korrekt jemandem zu sagen, dass ich meine, dass die Endung für Verben in der 2.Person in Sindarin –ch ist (und das habe ich so in meinem Kurs geschrieben) – weil, was ich wirklich denke, ist, dass Tolkien
irgendwie –g für die 2.Person Sg. familiär und –ch für die 2. Person Pl. familiär und –l für die 2. Person formal im Sinn hatte – und dass er all dies wiederholt revidierte. Also, der wirkliche Grund, warum ich -ch vorschlage in meinem Kurs, ist, dass die ganze Sache ein fürchterliches Durcheinander ist, dass es plausibel genug ist und dass es viele Leute anerkennen. Es gibt also keinen Grund meine noch leicht komplizierteren Ansichten einzuwerfen, wenn ich ihrer nicht mal sicher bin.

Ich hoffe, Sie können verstehen, dass ich mich wirklich unwohl fühle, wann immer ich sehe, dass jemand erzählt, dass –ch die Endung für Verben in der 2.Person im Sindarin, nur weil ich es sage (oder weil Helge es aus irgendeinem Grund sagt) – denn es verdeckt komplett, was Tolkien in dieser Angelegenheit zu sagen hat.

Man sieht, die nächste Schwierigkeit, die entsteht, wenn jemand Sindarin „standardisiert“, die folgende ist: Ich habe eine andere Vorstellung davon, was höchstwahrscheinlich korrekt ist als Ryszard Derdzinski oder Helge Fauskanger. Und für mich ist es einfach, ihre Texte zu lesen, denn ich weiß, was Tolkien geschrieben hat und welche anderen Schlüsse daraus gezogen werden können (weil ich sie verwarf, als ich meine Entscheidungen machte, zu editieren – aber ich vergaß sie nie). Aber wenn sie Sindarin nur aus einer sekundären Quelle kennen, wundern Sie sich möglicherweise über etwas ungewohnte Grammatik. Also, eventuell lohnt es sich, verschiedene Interpretationen zu kennen, selbst wenn Sie die Sprache nur verwenden wollen. (Aber es gibt eine Einschränkung: selbst wenn es oft verschiedene Interpretationen gibt, heißt das nicht „anything goes“. Wir mögen oft nicht wissen, was richtig ist, aber wir können es herunterbrechen auf zwei oder drei Möglichkeiten, aber alles andere ist immer noch falsch.).

Worum geht es also bei all dem?  Ich würde sie bitten, extrem vorsichtig zu sein, wie sie Elbisch jemand anderem erklären und selbst nur Sekundärquellen kennen. Indem man Aussagen macht wie
das ist so und so verdreht man oft die Wahrheit bezüglich dessen, was Tolkien im Sinn hatte – selbst wenn man die besten Vorsätze hatte, jemandem zu helfen – behalten Sie den Unterschied nur bei indem Sie sagen Helge denkt, dass... und sie sind in einer viel besseren Position, oder werfen Sie ein gelegentliches Ich denke, dass... Schauen Sie sich an, was Tolkien zu sagen hat – und Sie haben es.  Aber schlussendlich ist man nicht in der Lage zu erklären, wie Elbische Grammatik ist solange man Tolkien nicht selbst studiert hat.

Die Sprachen nur für Fanfic zu verwenden ist genauso ok, und man kann eine Menge Spaß daran haben (den ich sicherlich hatte...  Und Sie brauchen nicht all die chaotischen Details oder die widerstreitenden Interpretationen dafür zu studieren. Aber wenn Sie wirklich verstehen wollen, was Tolkiens Vorstellungen waren und wie er die Elbische Grammatik sah, dann fürchte ich, wird eine sekundäre Quelle nie ausreichend sein, und das ist eine Menge mehr Arbeit.

Also, es liegt an Ihnen, was lernen für sie bedeutet. Manche Leute sind glücklich damit, die Sprachen nur zu gebrauchen, andere geben sich damit zufrieden, sie nur auf einem formalen Level zu studieren, ohne jemals ein Stückchen Text darin zu schreiben – ich habe beides getan und Spaß daran gehabt. Aber was immer Sie  machen, haben Sie Spaß (schließlich ist es ein Hobby) und erkennen Sie die Grenzen (ich denke niemand von uns will wirklich all diese falschen Dinge verbreiten).

 
caras galadhon
home
galadh e-lam edhellen
Sindarin
galadh i-chilu
learning Sindarin
so you want to learn Elvish
a bit of philosophy
sources
how to learn
books
galadh edh-rem
links
galadh i-siniath
news
galadh e-ndangweth
faq
galadh en-annad
download
galadh e-suilad
guestbook
MedienUpload
 
 
Google